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Thomas Wipf, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchbundes, fordert mehr Dialog mit anderen Religionen und auch mit dem Staat. Vor dem Hintergrund der Islamdebatte sprach Wipf vor dem Evangelischen Grossen Rat in Chur.
Hochrangige Gäste wie Regierungsrätin Eveline Widmer Schlumpf und Standespräsidentin Agathe Bühler-Flury lauschten dem Vortrag "Zusammenleben der Religionen" im Kirchgemeindehaus Comander. Die Diskussion um den Islam erfolge in einer Zeit der eigenen Verunsicherung, sagt Thomas Wipf. Er habe Verständnis für Menschen, die sich durch eine fremde Kultur bedroht fühlten. Aber der Geist des Misstrauens und der Abwehr sei langfristig problematisch: "Nicht jedes religiöse Symbol ist ein Kampfsymbol" meinte er mit Blick auf den Streit um Minarette. Und Sorgen machen ihm die Wahlen im nächsten Jahr: Religion dürfe nicht politisch instrumentalisiert werden.
Es besteht Nachholbedarf "Heute braucht es einen Dialog auf Augenhöhe", forderte Thomas Wipf und plädierte für das Kennen lernen der anderen Religionen, ohne dabei zentrale eigene Überzeugungen preis zu geben. Auf Wipfs Initiative entstand Mitte Jahr der Rat der Religionen, in dem die drei Schweizer Landeskirchen und Vertreter von Judentum und Islam brennende Fragen gemeinsam besprechen. Dieser Dialog müsse auch im Alltag geführt werden. "Es ist herabwürdigend, wenn Muslims ihre Religion in Kellern und Fabrikgebäuden ausüben", meinte Wipf, das fördere nur die Ghettobildung. Es sei aber auch notwenig, die heiklen Themen anzusprechen: Kopftuch, Rolle der Frau, muslimische Friedhöfe, politische Agitation.
Auf der Ebene des Staates, so Thomas Wipf, seien Fragen der Religion lange Zeit ausgeblendet worden. Nun bestehe ein Nachholbedarf: "Religionen sind wertorientierte Kräfte. Der Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann", sagt Wipf. So fehle eine zeitgemässe Beschreibung von Religion in der Öffentlichkeit, etwa in einem Religionsartikel der Verfassung. Es fehlten aber auch geregelte Ansprechkanäle und Dialogpartner zu Fragen von Grundrechten, Religion und Kultur.
Nach 30 Jahren revidierte der Evangelische Grosse Rat seine Geschäftsordnung. Der Ratsbetrieb, so Kommissionspräsident Martin Jäger, Chur, müsse möglichst effektiv funktionieren und parallel zur Ordnung des politischen Grossen Rats verfasst sein. Anders als bisher, so sein Vorschlag, sollen sich Evangelische Grossräte nicht mehr vertreten lassen können. "Wir wollen damit auch ein Zeichen gegen die Beliebigkeit setzen", meinte Martin Jäger. Damit setzte er sich im Rat gegen einen Antrag von Elisabeth Mani durch, die das bisherige Stellvertreterwesen erhalten wollte. Wahlen in den Kirchenrat bleiben nach wie vor geheim, hingegen kann die Wahl des Präsidiums vom Evangelischen Grossen Rat neu in offener Wahl erfolgen.
Bündner Steuergesetz wirft Schatten Das Budget der Landeskirche für 2007 wurde vom Rat verabschiedet. Es sieht Einnahmen und Ausgaben von rund 9.6 Millionen Franken vor. Die Präsidentin der Geschäftsprüfungskommission, Christine Bucher, Chur, warnte vor den Schatten, die das neue Bündner Steuergesetz auf die Kirchenkasse werfen wird. Sie rechnet für 2009 mit Mindereinnahmen für die Reformierte Kirche zwischen 10 bis 20 Prozent. Der Kirchenrat solle die Risiken des neuen Steuergesetzes abklären und strategische Möglichkeiten entwerfen, wie man dem Einnahmeverlust entgegentreten wolle.
Kirchenrat Michael Ott informierte über Gespräche der beiden Landeskirchen mit dem Kanton über die Zukunft des Religionsunterrichts. Ziel sei es, die wöchentlich zwei Lektionen von der ersten bis zu neunten Klasse zu erhalten. Bedroht sei der Unterricht derzeit von 10 bis 15 Prozent Abmeldungen, zum Beispiel durch Angehörige anderer Religionen, und von organisatorischen Problemen auf der Oberstufe. Das Erziehungsdepartement hat einen Vorschlag auf dem Tisch gelegt, der neu eine obligatorische Wochenstunde "Ethik" vorsieht, durch den Kanton erteilt und finanziert. Den Landeskirchen bliebe eine weitere Wochenlektion für konfessionellen Unterricht. Zurzeit, so Michael Ott, berate eine Arbeitsgruppe über dieses Projekt.
Neuer Präsident des Evangelischen Grossen Rats ist Hanspeter Pitschi, Arosa, zu Vizepräsidenten wurde Irma Wehrli, Davos und Christian Möhr, Maienfeld gewählt. Die Kirchgemeinden Zuoz und Madulain bilden neu eine gemeinsame Kirchgemeinde. Der Rat stimmte dem geplanten Zusammenschluss zu. |